Unser F- Jugend-Fußballtrainer Pierre Kedagni

OLYMPUS DIGITAL CAMERABeim Brand alles verloren

Der angehende Erzieher Pierre Kedagni wohnte im zweiten Obergeschoss des Frühlokals „Forelle“

„Oh Gott. Das war ein großer Schock für mich.“ Sofort hat Pierre M. K. Kedagni wieder Tränen in den Augen.

Der 28-Jährige aus Togo hat bei dem Brand in der „Forelle“ alles verloren. Jetzt ist der angehende Erzieher in einer obdachlosenrechtlichen Wohnung in der Gartenstraße untergebracht. Er besitzt nichts mehr, als was er auf dem Leib trägt. Seit fünf Jahren lebt Pierre in Deutschland und beinahe so lange in Aalen. Er hat nur ein Ziel. Er möchte hier arbeiten. Dauerhaft. Nicht irgendetwas. Nein. Sondern als Erzieher im Kindergarten. Mit voller Konzentration und Hingabe widmet er sich diesem Ziel. Der Erfolg zeichnet sich ab. Im Juli wird er nach dreijähriger Ausbildung seine Prüfungen abgelegt haben, so dass er ab August sein Anerkennungsjahr zum staatlich geprüften Erzieher antreten kann. Auf dieses Ziel hat er sein ganzes Leben ausgerichtet. Arbeitet neben seiner Ausbildung als 450-Euro-Jobber in einem Pflegeheim. „Ich bekomme kein Bildungspaket, keine Unterstützung von der Stadt“, stellt Pierre klar. Für Unterhalt und Miete kommt er selbst auf, abgesichert durch eine Bürgschaft eines Bekannten. Pierre sitzt im C-Punkt der Caritas-Ostwürttemberg. Mittlerweile seine zweite Heimat. Hier hat er regelmäßig die Deutschkurse besucht – morgens im C-Punkt, nachmittags bei der VHS. „Damit’s schneller geht“, sagt er und lächelt schon wieder. Und ja, sein Deutsch ist mittlerweile fließend. Kein Seufzen, kein Wehklagen. Nur eine Feststellung: „Jetzt muss ich wieder ganz von vorne anfangen.“

Dabei hat Pierre Glück gehabt. Verflixt großes Glück. Denn der 59-jährige Mann, der vor knapp zwei Wochen beim Brand im Aalener Frühlokal „Forelle“ ums Leben kam, war sein direkter Zimmernachbar. Tür an Tür hat Pierre neben ihm im zweiten Obergeschoss gewohnt. „Der war lieb. Ich hab für ihn immer wieder eingekauft, weil er Gehbeschwerden hatte.“ Pierres Blick wird ernst und man meint zu spüren, wie es ihm eiskalt den Rücken runterläuft. „Zuerst wollte ich eigentlich erst am Samstag zu meinem Bruder nach Duisburg fahren. Pierre wollte den Besuch mit einem Seminar für nachhaltige Entwicklung in Bielefeld verbinden. Schon länger interessiert ihn Umweltbildung und Globales Lernen. Pierre ist immer wieder Referent der gemeinnützigen Sozial- und Dienstleistungsgenossenschaft „act for transformation“, die im Aalener Um-Welthaus untergebracht ist. „Aber dann hatte ich so ein komisches Gefühl. Und hab schon am Freitagabend den Zug genommen.“ Das Feuer brach in der Nacht auf Samstag, kurz nach Mitternacht aus. „Normalerweise hätte ich geschlafen. Ich gehe immer früh ins Bett. Und ich schlafe tief.“ Er weiß: Auch er wäre in den Flammen umgekommen, wäre er zuhause gewesen. Der Anruf erreichte ihn am Samstagmorgen. „Pierre, wo bist Du?“ Ein Aalener Freund hatte die Ungewissheit nicht mehr ausgehalten. „Dass meine Wohnung abgebrannt ist, wollte ich ihm einfach nicht glauben. Ich hab gleich im Internet nachgeschaut. Oh Gott. Ich hab den ganzen Samstag und Sonntag geheult.“

Noch in Duisburg hat sich Pierre bei der Polizei gemeldet und seine Zugfahrkarte vorgezeigt. Seit Freitag, 13 Uhr, war er nicht mehr in Aalen gewesen. Sofort bei seiner Rückkehr am Aalener Bahnhof am Montag um 22 Uhr machte sich Pierre auf zur Brandruine in der Stuttgarter Straße. „Es ist einfach unfassbar.

Da verlässt Du Deine Wohnung und zwei Tage später hast Du kein Zuhause mehr.“ Das Feuer hat ihm alles genommen. Alles, worauf er lange und hart gespart hatte: Schulbücher, Computer, Drucker, Schreibtisch, Kleidung, Bilder, Gläser, Teller . . . „ Jedes Stück in dem Zimmer war Teil meiner Geschichte in Deutschland.“ Schweigen. Seine Stimme bebt: „Das bringt mich jetzt wieder zum Heulen.“ Von der Stadt wurde Pierre eine Obdachlosenunterkunft in der Gartenstraße zugewiesen. Bett und Matratze haben ihm Bekannte geschenkt. Mitschüler verlegten ihm einen PVC-Boden. „Früher, wenn ich nach Hause gekommen bin, habe ich mich immer gleich an den Schreibtisch gesetzt und gelernt.“ Jetzt geht er nach der Schule sofort zum C-Punkt der Caritas in der Weidenfelder Straße. Hier, an einem der Arbeitsplätze des Internetcafés versucht sich Pierre jetzt wieder auf sein persönliches Ziel zu konzentrieren und weiter zu arbeiten an seiner Facharbeit.

Die SchwäPo-Hilfsaktion „Advent der guten Tat“ wird den angehenden Erzieher unterstützen, damit er bald wieder zuhause lernen kann. Ob Pierre nach seinem Anerkennungsjahr in Deutschland bleiben darf, ist noch nicht gewiss. „Vorerst bleibt mir nichts als die Hoffnung. Aber wenn der Staat mich braucht, bin ich gerne für Deutschland da.“

Quelle: Schwäbische Post